Schneeberg revisited (2013)

Kindheitserinnerungen können trügen: Quälend lange Fahrten, bis man mit den Eltern endlich dort war. Oder die Bahn hat seit damals ihr Beschleunigungsversprechen eingelöst. Jetzt, heute, gestern, dauert die Reise von Wien zum Schneeberg nur eineinhalb Stunden; kaum kommt man zum Lesen; schon muss man aus- und in den Lokalzug umsteigen, der an so poetischen Orten wie ‚Anemonensee’ oder ‚Pfennigbach’ zwischenlandet.


Und dann steht er da, der riesige Berg, bange machende 2000 Meter hoch, der sich alle paar Sekunden verändert, im Schatten der Wolken, im Sonnenlauf, im Wind, und man kann hinauf fahren oder auch nicht. Unterwegs macht der Salamander Pause, damit sich die P.T. Fahrgäste mit frischgebackenen Krapfen eindecken können.


Fotos: Toby MM

Das Hotel ist eine kleine Welt für sich, möglichst nahe gerückt zur Bahnlinie, nicht weit und trotzdem fremdelnd zum Ortskern. Zur Begrüßung bekommen wir einen braunen Stoffbären geschenkt, die aufgesetzten Flicken sind Absicht, wenn ich auch nicht dahinter komme, welche denn.

 

Und dann der erste Spaziergang durch Puchberg. Ziemlich viele Gasthäuser. Ein Daily, das einst Schlecker hieß und leer ist. Ein Trachtenmodengeschäft, das hoffentlich bis zum Beginn der Skisaison durchhalten wird. Ein paar ihren Gameboys entwachsene Jungs donnern frustriert auf Motorrädern durch die Gassen.


Die frisch gestrichenen Fassaden erzählen liebenswerte Geschichten aus der Vergangenheit. Der Freiwillige Verschönerungs-Verein sowie die Kurkommission haben ganze Arbeit geleistet.


Blumenkisterln, ein Kneippbrunnen, ein Balken aus der Türkenbelagerung, zwei Supermärkte, ein Ententeich mit Booten.

 

Seit Reifenproduktion und Stahlwerk zugesperrt haben, zwingt die Arbeitsplatzsituation viele zum Pendeln. Immobilien-Angebote in den Schaufenstern der Bankfilialen warten auf Wochenendbewohner.


 

Wir wandern. Den Wasserfall gibt es noch, die Sägemühle auch, Sternchenmoos ist da und grüne Maiwipfel, in die Sommerwiesen möchte man sich einrollen, die Bäume am liebsten nicht mehr loslassen.

 

Wir absolvieren ein paar Stationen des Trimm-Dich-Pfades, lassen unsere Arme kreisen, hüpfen auf einem Bein, wippen und steppen auf einem abgesägten Baumstamm. Vorbei an einem richtigen Bauernhof, einst waren 25 Kühe im Stall, nun sind es noch fünf aber jetzt gerade auf der Alm. Der dösende Bernhardiner wird geweckt, damit wir ihn streicheln können, dann gehen wir weiter.

 

 

Zwischen frischen Forellen aus der Pfanne, denen man die Bäuche mit Petersilie und Oregano gefüllt hat, und Marmeladepalatschinken so zart und süß, prasselt der Regen herab, perfektes Timing. Für den Heimweg bekommen wir einen Regenschirm aus dem Fundus der Vergessenen, für alle Fälle. 


Ein Abschieds-Spaziergang durch den Ort. Der Kaiser und seine Sissi wanderten hier, ein berühmter Arzt jagte, Musiker komponierten, Dichter dichteten, Schriftsteller genossen die Natur, der an sich oder seiner Umwelt gescheiterte Biologe Paul Kammerer machte seinem Leben ein Ende, der Philosoph Ludwig Wittgenstein unterrichtete an der hiesigen Volksschule.

 

Daraus ließe sich doch etwas machen! Doch Puchberg ist irgendwann die Luft ausgegangen, zwar kommen auch neue Besucher, aber die Konkurrenz ist erdrückend:

Auf Wittgensteins Ruhm hat sich bereits ein anderer seiner Wirkungsorte geheftet und veranstaltet jährlich ein philosophisches Symposion, der Kaiser gehört mit Haut und Haar den Bad Ischlern, auch ein Paul-Kammerer-Symposion hats andernorts schon gegeben.

Haltet noch ein bißchen durch, möchte man den Puchbergern zurufen. Die Mallorca-Reisenden werden erkennen, wieviel stressfreier man bei Euch Urlaub machen kann. Schöpft neuen Mut, schaut Euch um nach originellen Ideen, lernt von anderen und lasst Eure Phantasien laufen!

 

Mir würde schon etwas einfallen, aber das verrate ich nur, wenn ich zum Lohn Bürgermeisterin werde:

"Ludwig (Wittgenstein) ... brachte es im Pfeifen zu wahrer Meisterschaft."

"Sie musizierten gemeinsam, das heißt, Wittgenstein pfiff die Melodiestimme, und (sein Freund David) Pinsent begleitete ihn am Klavier."

(Joachim Schulte, Ludwig Wittgenstein, Suhrkamp BasisBiographie, 2005)


Also, liebe Puchberger und Innen, wie wärs mit den Internationalen Ludwig-Wittgenstein-Musik-Festspielen? Die hat noch keiner.

 

Ich übe schon mal Pfeifen.