Susanne Krejsa MacManus' Newsletter

Hallo ###USER_email###,

Zum ‚Durchatmen‘ zwischen zwei Sachbüchern schreibe ich einen Krimi. „Wird das was?“ fragte ich eine Krimi-Expertin, der ich die ersten 30 Seiten zum Anschauen gab. Ihre Antwort war niederschmetternd: „Hast Du eigentlich schon einmal selbst einen Krimi gelesen?“ Daraufhin verschwand das Fragment für mehrere Jahre in der Versenkung.

Quelle: www.spreadshirt.ch

Doch kürzlich habe ich es doch wiederbelebt und schreibe fleißig. Kein angenehmes Unterfangen, sich böse Charaktere auszudenken. Ich krame in meinen Erinnerungen, die eine oder andere schlechte Erfahrung, meist hat ein Schutzengel rechtzeitig eingegriffen. Zum Schreiben muss ich tief eintauchen in die Abgründe der menschlichen Psyche, muss mich hineindenken in Zorn und Wut, Neid und Verzweiflung, Empörung, Verletztheit, lodernden Hass - doch wenn ich zu tief eintauche, raubt es mir wiederum den Schlaf.

Warum mache ich trotzdem weiter? Aus Neugierde. Ich lerne, wie sich eine Geschichte quasi von selbst entwickelt ohne sich auf Stapel voller Material zu stützen; keine Literaturauswertungen, Fachbücher, Artikel aus Journalen, Dokumente etc. steuern mein Schreiben. Stattdessen führen die Figuren ihren eigenen Dialog. Wenn ich nicht weiter weiß, gehe ich kochen oder Eisessen, damit sich ‚Nick‘ und ‚Irene‘, ‚Dr. Horst Augustin‘ und ‚Marie Michaelis‘ inzwischen die nächste Wendung überlegen können.

Ganz ohne Recherche geht es natürlich trotzdem nicht. Nicht alles kann das Internet liefern. Daher stelle ich Fragen. „Wird man die Abdrücke meiner geplanten Mordwaffe an der geplanten Leiche erkennen können?“, lautet meine Mail an den Chef der Gerichtsmedizin. Ich kenne ihn nicht persönlich, kann mir daher sein Gesicht nicht ausmalen, wenn er meine Frage liest. Ich hoffe stark, dass er schon Erfahrung mit Krimi-AutorInnen gesammelt hat.

„Könnte man eine Leiche in Ihren Kisten transportieren oder würde das Blut heraustropfen?“, erkundige ich mich in einer Tischlerwerkstatt. Weil ich mich namentlich vorgestellt und den Grund meines Interesses erläutert habe, unterdrückt der Tischler seinen Impuls, augenblicklich den Polizei-Notruf zu wählen.

Hin und wieder muss mein Mann meinen detektivischen Forschungstrieb bremsen - zum Glück, denn die Dynamik der Geschehnisse hält auch mich selbst gefangen. Mit seiner Überredungskunst verhindert er, dass ich an einer Tür klingle: „Darf ich Ihre Wohnung besichtigen, in der einmal so ein interessanter Mordfall stattgefunden hat?“

Einen Krimi zu schreiben ist auch eine Denksport-Aufgabe: Ist die Abfolge der Erzählung zeitlich konsistent oder müsste das Wochenende demnach vier Tage dauern? Habe ich die Haarfarbe des zukünftigen Mörders auf Seite 25 genau gleich beschrieben wie auf Seite 67 oder braucht es den Hinweis, dass er zwischendurch beim Friseur war? Wie läßt sich erklären, dass eine Köchin aus Vorarlberg plötzlich mit norddeutscher Zunge redet? Geht sich die Höhe des Stiegengeländers aus, um eine Schachtel hinüberzureichen?

https://next.wellcomecollection.org/articles/death-in-a-nutshell/

Ich zeichne Ablaufskizzen, schreibe Listen, überprüfe die Logik von Vorgängen. Vielleicht sollte ich sogar ein kleines Modell des Schauplatzes anfertigen, quasi ein Puppenhaus. Doch dessen Herstellung könnte mich wiederum so in ihren Bann ziehen, dass sie mich vom weiteren Schreiben abhält.

Die Magie solcher Miniatur-Tatorte war unlängst im Londoner Wellcome-Museum zu sehen: 19 schnuckelige Puppenhäuser, mit handgemalten Blumentapeten, selbstgenähten Rüschengardinen, zentimetergroßen Bierflaschen mit mikroskopisch kleinen Etiketten, winzigen gestrickten Socken, mit wenige Millimeter langen Wäscheklammern zum Trocknen aufgehängt. Das Blut sieht man erst auf den zweiten Blick, ebenso die besudelte Matratze, die umgestürzten Möbel, die auf einen Kampf hindeuten, die Leiche.

https://next.wellcomecollection.org/articles/death-in-a-nutshell/

Was man für die makabre Phantasie einer gelangweilten Hausfrau halten könnte, sind wichtige Arbeitsbehelfe der Gerichtsmedizin. Sie stammen von Frances Glessner Lee (1878- 1962), einer amerikanischen Millionärin, der die Eltern das Medizinstudium verweigert und sie stattdessen zu ‚weiblichen Tätigkeiten’ gezwungen hatten. Durch ihre Freundschaft mit George Burgess Magrath (1870-1938), Pionier der Gerichtsmedizin in Harvard, erfuhr sie vom fehlenden Wissen der Ermittler: Kriminalfälle wurden nicht aufgeklärt und Mörder kamen ungeschoren davon, weil Spuren zertrampelt, Hinweise übersehen und Tatorte verändert worden waren. So kam sie auf die Idee, für Trainings- und Ausbildungszwecke lebensechte Situationen dreidimensional nachzubauen.

Ihre Puppenstuben revolutionierten in den dreißiger und vierziger Jahren die Gerichtsmedizin und wurden zum Vorbild für die heute verwendeten forensischen Computersimulationen.

Meine bisherigen 'Fingerübungen' und Newsletter können hier nachgelesen werden. Ich freue mich, wenn sie weiterverbreitet werden!

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