Ferne Freunde: Japan (2006)

Lübeck hat ein Naheverhältnis zum fernen Japan: Bereits seit zehn Jahren besteht eine Partnerschaft zwischen Schleswig-Holstein und der japanischen Präfektur Hyogo, in der beispielsweise die Stadt Kobe liegt und die berühmten Städte Osaka, Kyoto und Nara nahe sind.

 

Wer die Gelegenheit zu einer Reise nach Japan bekommt, liest vorher pflichteifrig Reiseführer. Und stellt dann überrascht fest, dass manches ganz anders ist: zum Beispiel die Begrüßung. Nirgends werden so häufig und nachhaltig zur Begrüßung und Verabschiedung Hände geschüttelt wie in Japan! Das erstaunt, denn Unsereins weiß natürlich, dass Händeschütteln dort nicht üblich ist – vielmehr verbeugt man sich wiederholt und dem Rang des Gesprächspartners angemessen. Was die Autoren derartiger Ratgeberbücher allerdings nicht bedacht haben: Auch in Japan gibt’s Guide-Books, die den Umgang mit Westlern erklären. Und in ebendiesen steht, dass bei uns Händeschütteln zum Guten Ton gehört. Also schütteln die Japaner, was das Zeug hält: Etwas ungeübt zwar, aber voll Ambition.


Händeschütteln ist für uns sowieso besser als Verbeugen, denn wer weiß schon die Tiefe der Verbeugung perfekt dem sozialen Rang des Gesprächspartners anzupassen? Um den Rang festzustellen, werden Visitenkarten ausgetauscht, doch anders als bei uns voller Respekt entgegengenommen (mit beiden Händen!), aufmerksam gelesen und an einer würdigen Stelle verstaut, also sicher nicht in der hinteren Gesäßtasche.


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Ebenfalls zu den Formalitäten gehört das gemeinsame Singen. Nun kennt man ja Karaoke auch bei uns, doch außer amerikanischen Hits sollte man als Japanreisender unbedingt auch Text und Melodie von Goethes ‚Heideröslein’ parat haben (Sah ein Knab ein Röslein stehen....), denn das gehört inzwischen zum beliebten japanischen Liedgut (auf Deutsch!). Auch ‚Am Brunnen vor dem Tore’ kommt gut an, wie überhaupt Lyrik und Pathos, inniger Ausdruck und Emphase ganz unverkrampft genossen werden.


Durch das gemeinsame Singen wird das Eis gebrochen und das Fremdheitsgefühl verringert sich. Jetzt ist Gelegenheit, ein bisschen privater zu werden. Eine wichtige Frage ist die nach dem Alter. Als Europäer hat man ja immer seine liebe Not, das Alter von Asiaten zu schätzen, die in unseren Augen unverschämt jung aussehen; es ist interessant zu lernen, dass Asiaten dasselbe Problem mit uns haben. Ebenso überraschend ist es, dass wir Kaukasier, also Europäer und weiße Amerikaner, für Asiaten genauso schwer auseinanderzuhalten sind wie asiatische Gesichter für uns. Das ist für uns erstaunlich, haben doch unsere Haare und Augen ganz unterschiedliche Farben, während asiatische Gesichter – für uns - viel einheitlicher sind. „In eurer Fremdartigkeit seht ihr erst wieder alle gleich aus und seid un-unterscheidbar“, sagte eine asiatische Freundin.


Japans Zwölf-Millionen-Metropole Tokyo ist architektonisch nicht so reizvoll wie Kyoto und andere japanische Städte, aber trotzdem überreich an Tempeln, Schlössern und Museen. Wer nach den Besichtigungen erschöpft und voller Heimweh an zu Hause denkt, bekommt Meergefühl am Fischmarkt Tsukiji. Seine Ausmasse sind enorm: Japan verzehrt ein Sechstel der gesamten Fischereiausbeute der Welt; davon wird ein Drittel auf dem stadiongroßen Gelände mit den offenen Hallen umgeschlagen. Die Versteigerung von maguro, den Tunfischen, ist in Wirklichkeit noch viel spannender als man sie aus dem Fernsehen kennt: Bis zu drei Meter lang und einige hundert Kilo schwer sind die gefrorenen Riesenleiber, bereits ausgenommen, ihren abgetrennten Schwanz mit der großen Flosse in den leeren Körper gesteckt, und mit roten Markierungen, die dem Eingeweihten Aufschluss über Gewicht und Herkunft geben. In der hinteren Hosentasche der Großhändler steckt der Haken, mit dem sie die ersteigerten gefrorenen Fische auf die Transportwagen ziehen. Kaum ist eine Reihe Fische verkauft, wandert der Auktionator mit seinem kleinen Podest in die nächste Reihe, wo er einen weiteren Schwall aufgeregten Schnellredens abliefert. Alle vier Sekunden hat er einen Fisch verkauft.


Anschließend kann man zuschauen, wie die großen Tunfische zerteilt werden. Fast zeremoniell und sich ihrer Kunst sehr bewusst, setzen erfahrene Männer ihr Arsenal an langen dünnen Klingen ein. Die Assistenten dürfen nur putzen, wischen, halten – geschnitten wird vom Meister selbst. Das allerbeste – und teuerste – Stück dieser wunderbaren – und teuren! – Leckerbissen ist toro, das von gelblichem Fischöl durchtränkte Bauchstück. Diese und andere Delikatessen sollte man gleich bei einem Sushi-Frühstück am Markt probieren. Nicht ganz billig, aber denkwürdig: wer je in Tsukiji die allerfrischesten und besten Sushi der Welt gegessen hat, ist in Hinkunft für Mittelmäßiges verdorben.


Kein Japan-Besucher lässt sich eine Reise in den superschnellen Zügen Shinkansen entgehen: Es hat seinen Reiz, mit fast 300 Stundenkilometern durch die Landschaft zu brettern. Währenddessen kann man essen, denn Japan hat auch das Essen im Zug zur Kunstform verfeinert. Man ißt ´obento´: In einer adretten Box - heutzutage leider nicht mehr aus teuerstem Goldlack sondern schnöde aus bemalter Pappe - gibt´s pikanten kalten Reis, belegt mit gebratenem Fleisch, Tofu, eingelegtem oder eingesalzenem Gemüse, Fisch, Pickles und Seetang. Damit nichts durcheinanderkommt, teilen kleine Pappstege die Schachtel in verschiedene Felder auf. Eß-Stäbchen liegen bei. Heutzutage lässt man sich ‚o-bento’ nicht mehr vom teuersten Restaurant der Stadt zum Zug liefern, sondern wählt am Bahnhof an einer Vielzahl von Verkaufsständen die regional ganz unterschiedlich zusammengestellten, verschieden verpackten und exotisch aussehenden Proviantpakete.

Doch leider - die moderne Zeit mit ihren industriellen Herstellungsverfahren ist auch an obento nicht vorbeigegangen – nicht alles, was schön aussieht, schmeckt auch gut.


Der europäische Gaumen muss umlernen, aber es lohnt sich!

Ebenfalls regional und saisonal unterschiedlich am Bahnhof zu kaufen sind ‚wagashi’, essbare süße Kunstwerke, die der Besucher erst langsam zu lieben lernt. Sie protzen nicht mit Butter-Zucker-Sahne-Ei-Nüssen-Schokolade wie unsere geliebten europäischen Desserts. Ihre Bestandteile sind trivialer – meist stärkehaltige Hülsenfrüchte. Doch was daraus gefüllt, geknetet, gefärbt und geformt wird, ist paradiesischen Blüten und Früchten täuschend ähnlich. Wie alles in Japan hat jedes von ihnen seine spezielle Bedeutung, seinen Anlass, zu dem es passt, und wehe, der Anlass ist falsch gewählt. Das wäre entsetzlich peinlich. Sobald man wagashi als etwas Eigenes begreift und die frustrierenden Vergleiche mit westlichen Süßigkeiten unterlässt, beginnt man ihre sanfte, sinnlich weiche Süße zu lieben, die hervorragend zum leicht bitteren Tee passt.


Wer im Augenblick keine Gelegenheit zu einer Japanreise hat, kann Japan auch in Lübeck genießen: Das 'Japan-Erlebnis-Paket' bietet ganzjährig ein Sushi-Essen in einem schönen Asia-Restaurant, einen Besuch des Lübecker Puppenmuseums mit original japanischen Puppen, eine energiespendende Shiatsu-Massage, eine Einführung in die japanische Kunst der traditionellen Teezubereitung sowie einen Gutschein für eine Packung japanischen Tee.


Wie meint dazu der japanische Weise: „Die Seligkeit eines Augenblicks verlängert das Leben um tausend Jahre.“