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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

10/2020: Lob des Tee-Pee

Ein Schulfreund hatte ausgesprochen hehre Ziele für seine Zukunft: Er würde seine berufliche Energie nur wertvollen Themen widmen, beispielsweise Menschenrechten, Tierschutz, Regenwald …

Quelle: www.hessenschau.de

Während seines Studiums jobbte er. Ein Ferialpraktikum brachte ihn zu einem Hersteller von Tissueprodukten, speziell Toilettenpapier. Die Produktionstechnologie faszinierte ihn, so sehr, dass er uns alle regelmäßig daran teilhaben ließ. Wie die Zellulosefasern derart ausgerichtet werden können, dass ein dreidimensionales Gefüge entsteht. Wie die einzelnen Lagen durch Prägung miteinander in Kontakt gebracht werden können. Wie weiche Festigkeit oder feste Weichheit hergestellt werden kann. Unser belustigtes Schmunzeln ob seiner Begeisterung nahm er hin, er war kaum zu bremsen. Leider habe ich ihn irgendwann aus den Augen verloren, kann daher nicht berichten, wofür er sich später entschieden hat. Doch ein gewisses Basisinteresse für Klopapier ist mir geblieben.

Aktuell hat dieses Thema nicht nur bei mir sondern bei uns allen einen hohen Stellenwert bekommen – Stichwort „C.“.

„C.“ - oder zumindest die Furcht davor - hat zu Hamsterkäufen geführt, die entsprechenden Supermarktregale sind zeitweise leergekauft, Mengenbeschränkungen mussten eingeführt werden.

„C.“ ist nicht der erste Anlass für einen Toilettenpapier-Hype, wie uns die Zeitschrift National Geographic („A world leader in geography, cartography and exploration) unlängst berichtete. Schon vor rund 50 Jahren kam es zu Panikkäufen. Etwa in Japan angesichts von Befürchtungen, die Ölkrise sei ein Signal dafür, dass Frieden, Stabilität und ökonomische Mobilität gefährdet wären. Im Dezember 1973 löste eine flapsige Bemerkung von Johnny Carson, dem TV-Moderator der US-amerikanischen Tonight Show (20 Millionen Zuseher) ebenfalls einen derartigen Run aus.

Pestwurz. Quelle: Anton Ehrola, Wikimedia

Alternativen zum tee-pee gibt es nicht. Oder doch? Ich erinnere mich mit Schaudern an Kindheitsausflüge zu abgelegenen Berghütten, in denen wir mit zerschnittenen Zeitungsblättern zurechtkommen mussten, die mit einer durchgefädelten Schnur an einem Nagel aufgehängt oder auf einen Haken gespießt waren. Da es sich um alpine Plumpsklos handelte, bestand zumindest nicht das Risiko, mit den Zeitungsfetzen den Abfluss zu verstopfen.

Und noch früher? Unsere Ur-Ur-Ur-Ahnen verwendeten beispielsweise Pflanzenteile, etwa die großen rundlichen Blätter der Pestwurz, deren Behaarung möglicherweise unangenehm kitzelte. Ob sie sich auch für Toilegami – das in Hotels gerne produzierte Toilettenpapier-Origami – eigneten, ließ sich durch archäologische Funde leider noch nicht klären. Dabei wird das Ende der Toilettenpapier-Rolle kunstvoll gefaltet, um dem Gast anzuzeigen, dass das Badezimmer gereinigt worden ist.

Zurück zur Gegenwart: Wie das Magazin Progress der österreichischen HochschülerInnenschaft errechnet hat, beläuft sich die während der ersten „C“-Welle weltweit gehamsterte Menge Toilettenpapier auf etwa 2,41 Mio. Tonnen. An einem Ort zusammengetragen und schön geschlichtet würde das einen Würfel mit 252 m Seitenlänge ergeben. Davon ist wohl noch einiges übrig, doch haben wir für den soeben angekündigten zweiten Lockdown nochmals großzügig vorgesorgt. Das ist gut so, denn sollten uns während der bevorstehenden Häuslichkeit Beschäftigung und Gesprächsstoff ausgehen, können wir diese Ressourcen für entspannende Spiele verwenden. Das Internet ist voller hilfreicher Tipps, vom Mumienwickeln bis Bowlen, von Um-die-Wette-Abrollen bis Turm-Stapeln.

Auch Briefmarken lassen sich daraus produzieren, wie uns die Österreichische Post soeben vorzeigt, gestaltet von Marion Füllerer, Grafikerin in St. Pölten. Die Sondermarke ist erhältlich ab 30. Oktober, Auflage 300.000 Stück, gedruckt auf echtem 3-lagigem Toilettenpapier, auf der Rückseite Selbstklebefolie aus Naturfasern, Form und Größe eines handelsüblichen Blattes Klopapier. Zehn Markenblöcke nebeneinander ergeben die Länge eines Babyelefanten. Preis 275 Cent. Der Zuschlag von 2,75 Euro kommt einem karitativen Zweck zugute.

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