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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

12/2023: Wie lange dauert es bis man müffelt?

Langstreckenflug, einmal umsteigen. Geplante Ankunft abends, einen Teil der Zeitverschiebung wegschlafen, morgens Termine. Den Flug zum Arbeiten nützen. Im Handgepäck Unterlagen, Bücher, Papier sowie zwei Äpfel.

Es kommt anders: Anschlussflug abgesagt, Begründung fadenscheinig. Böse Zungen behaupten, dass während des Münchner Oktoberfestes die Zahl der Krankmeldungen von Flugpersonal heftig ansteigt. Weiterflug erst am nächsten Tag, Uhrzeit noch unbekannt, Destination ebenfalls. Man verspricht uns einen Billig-Gutschein fürs Abendessen bei McDonald's, alle anderen Restaurants hätten bereits geschlossen. Unsere Koffer gehen ins Depot. Mit 24stündiger Verspätung erreichen wir unser Ziel, mit Umwegen durch mehrere Zeitzonen, übermüdet, völlig aus dem Rhythmus geworfen – und stinkig. In jeder Beziehung.

In Ratgebern für Reisende mangelt es nicht an guten Ratschlägen: „Nehmen Sie sich für den Notfall alles zum Übernachten mit.“ Abgesehen davon, dass Zahnpasta, Make-up-Entferner und Deo beim Check-in gerne als „gefährliche Güter“ eingestuft und daher „aus Sicherheitsgründen“ zurückbehalten werden – wäre im Handgepäck gar kein Platz frei. Wohin sollen also Nachthemd, Wäsche zum Wechseln und all das Sonstige, das unserem Körper trotz der verpatzten Anreise Harmonie schenken würde? Mit anderen Worten: Mangels Duschmöglichkeit und frischer Wäsche fühlen wir uns unbehaglich, geradezu stinkig. Berechtigt oder übertrieben?

Waschen ist eine Notwendigkeit, aber auch Luxus

Google sagt uns: „Rund 23.000mal atmen wir täglich ein und aus; unser Körpergeruch und der von anderen sollte uns dabei aber besser nicht in die Nase steigen. Lieber sprühen wir ein Deo in die Achselhöhlen und Parfum an den Hals, um möglichst nicht so zu riechen, wie wir riechen.“

Natürlich ist unser Unbehagen relativ: Worunter wir Sommers in vollbesetzten öffentlichen Verkehrsmitteln leiden – nämlich der olfaktorischen Nähe körperlich hart arbeitender oder kurz zuvor sportlich ertüchtigter Mitfahrer – ist ein ganz anderes Kaliber als unsere geruchliche Unfreude. Tut Euch nichts an, sagt Dr. Elaine Larson, Dekanin an der Columbia School: Nicht jeder muss jeden Tag duschen, alle zwei, drei oder sogar vier Tage sind völlig in Ordnung.

Worüber regen wir uns dann eigentlich auf? Ist das häufige Waschen nicht ohnehin eine behandlungsbedürftige Gewohnheit? Durch zuviel Seife wird die Erholungsfähigkeit der Haut überfordert. Viele Zwangshandlungen beziehen sich auf Reinlichkeit, besonders Händewaschen ist vor allem bei weiblichen PatientInnen ausgeprägt. Andererseits wurde unserem Unterbewußtsein während der Corona-Zeit häufiges Waschen als bevölkerungspolitisch wichtige Handlung implementiert.

Also wie oft ist Waschen sinnvoll, notwendig und angenehm?  Das Online-Portal USA Today hat ÄrztInnen zu den Auswirkungen langer Waschabstinenz befragt – im Gegensatz zu unserem aufgezwungenen Kurzzeit-Test ging es jedoch um 365 Tage.

(Spätestens) nach 365 duschlosen Tagen riecht man/frau, denn Bakterien und tote Haut haben sich am Körper angesammelt. Diese tote Haut enthält ein Protein, das unangenehm riecht. Auch Bakterien geben einen fiesen Geruch ab, wenn sie sich mit unserem Schweiß vermischen. Die Dermatologin Dr. Lauren Ploch wies auf die unerwünschte Fettproduktion unter den Achseln, hinter den Ohren, am Hals und unter den Brüsten bei Frauen hin, wodurch Pilze und Bakterien ideale Wachstumsbedingungen bekämen. Daraus entsteht ein erhöhtes Infektionsrisiko: Bereits kleine Abschürfungen oder Risse in der Haut können durch den erhöhten Bakterienbefall auf der Haut eine Weichgewebe-Infektion verursachen. Juckreiz, Hautausschlag, Akne und Fußpilz sind weitere Folgen längerer Dusch-Abstinenz. Anschließend braucht der Körper etwa eine Woche, um sich von all dem wieder zu befreien.

Sich häufig und mit Seife waschen/duschen zu wollen entspringt also offenbar unserer frühkindlichen Erziehung - um nicht zu sagen Dressur - und der vorwissenschaftlichen, magischen Vorstellung vom Zusammenhang zwischen unangenehmem Geruch und Krankheit.

Getröstet haben uns diese Rechercheergebnisse nicht. Duschen und Wäschewechseln haben auch symbolische Bedeutung, machen uns jeden Morgen offen für Neues, frisch, neugierig und aufnahmebereit. Das wurde uns nach der erschöpfenden Langzeit-Anreise erst wieder so richtig bewusst.

Meine bisherigen 'Fingerübungen' und Newsletter können hier nachgelesen werden. Ich freue mich, wenn sie weiterverbreitet werden!

Meine Fingerübungen kommen hin und wieder, wenn ich etwas zu erzählen habe.
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