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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

3/2019: Lachen erlaubt.

Quelle: www.countrylife.co.uk

Unser Zuhause haben mein britischer Mann und ich zur Brexit-freien Zone erklärt. Trotzdem werden wir immer wieder daran erinnert, beispielsweise durch die Pelikane im Londoner St. James's Park.

Bevor ich auf die Verbindung dieser beiden Phänomene zu sprechen komme, stelle ich Ihnen Louis, Vaclav und Gargi vor: Eine halbe Meile vom Parlamentsgebäude entfernt leben die drei Pelikane im St. James's Park, dem ältesten königlichen Park Londons. Ihre Vorgänger hausten dort bereits seit 1664 und waren ursprünglich ein Geschenk des russischen Botschafters an König Charles II. Sie bewegen sich frei im großen Park (23 Hektar) und kommen nur zum Essen nach Hause: Um 14.30 gibt es frischen Fisch, fast 2 Kilogramm für jeden, im Jahr 1995 beliefen sich die wöchentlichen Verpflegungskosten auf £ 78,50.

heyronandjan.blogspot.com/2007/11/

Diese bedeutenden Informationen entnehme ich einem Parlamentsprotokoll vom 20. Dezember 1995: Heimatschützer und Bedenkenträger, Traditionalisten und Genderisten berieten damals über wesentliche Fragen in Zusammenhang mit den Pelikanen. Etwa: "Handelt es sich bei ihnen um legale oder illegale Immigranten? Kann der zuständige Staatssekretär bestätigen, dass ihre Sozialleistungen nicht gekürzt werden, falls sie um politisches Asyl ansuchen?"

Auch über ihr Geschlecht wurde gesprochen und über ihre Chancen auf Fortpflanzung, über ihre Verpflegung und über ihr Benehmen. Einer der Teilnehmer brachte schließlich noch das Thema eines speziellen Überganges für die Vögel zur Sprache. Obwohl es sich dabei eigentlich um ein englisches Wortspiel handelte (die Abkürzung "Pelican Crossing" steht für "pedestrian light controlled crossing" und ist ein Fussgängerübergang), denkt man bei der Lektüre sofort an das aktuelle Stichwort Backstop. Die damalige Diskussion war nur zum Teil ernst gemeint - schließlich war es das letzte Meeting vor Weihnachten -, aber als Brexit-geprüfte ZuhörerIn und ZuschauerIn sieht man vielfältige Parallelen.

www.dailymail.co.uk/news/article-1320429/Pelican-swallows-pigeon-London-park.html

Diskutiert wurde auch die Frage, wie viele Pelikane wünschenswert wären: "Wenn mehr als vier Pelikane im St. James's Park leben, tendieren sie zu schlechtem Benehmen gegenüber anderen Wasservögeln auf dem Teich."

Bevor Sie sich jetzt ausmalen, in welcher Weise sich Pelikane gegenüber anderen Wasservögeln schlecht benehmen können, will ich das Parlamentsprotokoll weiter zitieren:

"Im Speziellen fressen sie deren Jungen."

Schon im Juni 1999 hatte der Independent mit der Schlagzeile "Royal park resident turns nasty and eats neighbour" für Aufsehen gesorgt. Damals hatte eine Touristin aus Louisiana beobachtet, wie ein Pelikan auf einem Teichhuhn herumgekaut hatte, bis er es schließlich hinunterschlucken konnte. Nach einem weiteren Zwischenfall im Oktober 2006 - diesmal musste eine Taube dran glauben - begann eine öffentliche Debatte um ihre prophylaktische Inhaftierung. Die Parkverwaltung weigerte sich jedoch, die Pelikane als potentielle Gefährder hinter Schloß und Riegel zu setzen. Denn das Problem wären nicht die Pelikane sondern die TouristInnen, die die ParkbewohnerInnen mit Brotstückchen füttern. Die solcherart abgelenkten Tauben sind halt eine leichte Beute.

Quelle: www.countrylife.co.uk

Da die Pelikane aus dem St. James's Park in ihrer langen Geschichte noch niemals erfolgreich gebrütet haben, muss ihr Bestand von Zeit zu Zeit ergänzt werden. Das übernahm traditionell die russische Botschaft, doch in den Sechzigerjahren wollte ein US-amerikanischer Botschafter den Russen dieses Privileg streitig machen. Aber die Pelikane kamen nicht gut miteinander aus; die amerikanischen Neuankömmlinge wirkten bald krank und unglücklich. Schnell kam der Verdacht auf, die sowjetische Botschaft hätte da ihre Hand im Spiel, was von dieser natürlich zurückgewiesen wurde. Die Beziehung zwischen den beiden Botschaften wurde zum Kalten Krieg. Zum Glück konnten Vogelkundler den Fall aufklären: Der amerikanische Botschafter hatte die falschen Pelikane einfliegen lassen, nämlich statt der weißen Süßwasser-Pelikane die braunen Salzwasser-Pelikane. Erst nachdem diese in einen geeigneten Zoo übersiedelt und durch die 'richtige' Sorte ersetzt worden waren, besserte sich das bilaterale Verhältnis wieder. Heute werden die Pelikane meist aus einem tschechischen Zoo zugekauft.

Damit Sie übrigens nicht denken, die Londoner Pelikane wären charakterlich verdorben: Sie sind gegenüber den BesucherInnen zahm und zutraulich, setzen sich auch mal zu ihnen auf die Parkbank und lassen sich geduldig fotografieren. Der Zoo im schweizerischen Basel beherbergt hingegen einen Pelikan namens Killer Jonny. Er jagt und frißt jede Ente, die sich in das Pelikan-Areal wagt.

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