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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

7/2019: Nobelpreis? Bloß keine Frauenthemen!

Acht - männliche - österreichische Wissenschafter haben bisher den ‚Nobelpreis für Physiologie oder Medizin‘ erhalten. Nicht alle wurden glücklich damit. Gleich für den ersten, Robert Bárány (1914), bedeutete die Auszeichnung mehr Fluch als Segen. Vorwürfe der Kollegenschaft „haben dazu geführt, daß man Bárány die Er­nennung zum außerordentlichen Professor verwehrte, so daß er einen Ruf nach Upsala annahm, wo er als Professor und Leiter einer Ohrenklinik bis an sein Lebensende wirkte.«

So braucht’s nicht nur eine dicke Haut sondern auch einen langen Atem: beim britischen Neurophysiologen Sherrington waren 134 Nominierungen nötig, bis er 1932 für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der Neuronen ausgezeichnet wurde.

Tatsächlich gehen jedes Jahr mehrere Hundert Vor­schläge ein; nur in Ausnahmefällen erhält ein Kandidat bereits nach einer oder wenigen Nominierungen den Preis zuerkannt. „Spitzenkandidaten werden meist über einen Zeitraum von mehreren Jahren beobachtet und in dieser Zeit von verschiedenen Experten Gutachten für das Nobelkomitee verfasst.“ Diese Vorgangsweise widerspricht eigentlich dem Willen des Stifters: Danach sollte der Preis an denjenigen verliehen werden, der im abgelaufenen Jahr mit seiner Entdeckung den größten Nutzen für die Menschheit er­bracht hat.

Einer von denen, die trotz ihrer äußerst nutzbringenden Forschungsergebnisse leer ausgegangen sind, war der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus (1892-1970). Ihm verdanken wir die Aufklärung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau. Bis dahin war Verhütung ein reines Glücksspiel gewesen; sein ‚Tagezählen’ war aber auch bei der Behandlung ungewollt kinderloser Ehen sowohl auf natürlichem als auch auf künstlichem Weg erfolgreich, bildete die wissenschaftliche Basis für Vaterschaftsbestimmungen und lieferte wichtige physiologische Grundlagen für die Entwicklung der Pille.*
Knaus wurde 1936 für den Nobel­preis vorgeschlagen, fiel allerdings bereits bei der ersten Sichtung durch: Zwar wäre die Frage der Befruchtungs­fähigkeit „von großer sozialer und medizinischer Bedeutung“, doch spräche „viel dagegen, dass die Auffassung von Knaus allgemeingültig ist.“ 

Stattdessen wurden der Österreicher Loewi und der Englän­der Dale ausgezeichnet - für ein weniger anstosserregendes Thema, nämlich das Dale’sche Prinzip der chemischen Übertragung der Nervenimpulse.

Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass im Jahr 1936 ein gesellschaftlich so tabuisiertes und medial so unattraktives Thema wie Eisprung und Menstruation preiswürdig gewesen wäre. Zwischen der erstmaligen Vergabe des Prei­ses im Jahr 1901 und Knaus' Nominierung war kein einziger Wissenschafter für frauenspezifische Forschun­gen ausgezeichnet worden. Erst wenige Jahre zuvor (1931) wurde sogar die sehr favorisierte Nominierung der Gynäkologen Zondek und Aschheim für ihre Arbeit über weibliche Sexualfunktionen und Schwan­gerschaftsreaktionen knapp vor dem Ziel abgeschossen. Erst in den letzten Jahren sind zwei frauenspezifische Forschungen mit dem Nobel­preis ausgezeichnet worden, nämlich Gebärmutterhalskrebs (2008) und In­vitro­-Fertilisation (2010).

A propos Frauen: Von bisher insgesamt 216 Preisträgern der Kategorie ‚Physiologie oder Medizin‘ waren nur 12 weiblich.     

Immer noch besser als beispielsweise im Fach Physik: 210:3.

*P.S.: Mein Buch über Leben und Werk des österreichischen Gynäkologen Hermann Knaus ist unter dem Titel ‚Der Detektiv der fruchtbaren Tage’ (gem. m. C. Fiala) erschienen: Verlagshaus der Ärzte, ISBN 978-3-99052-146-5, € 29,90.

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