Susanne Krejsa MacManus

Das schillernde Knopferl

Bitte können wir die kürzlich verlegte Straßenbahn-Haltestelle Paulanergasse in „Knopferl“ umbenennen? Beim Aussteigen stadtauswärts empfängt uns nämlich nicht mehr die Paulanerkirche sondern Der Alte Knopfkönig (Wiedner Hauptstraße 34). 1844 gegründet, wurde er sogar zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt: Sein reiches Angebot an Knöpfen bestand u. a. aus Büffelhorn, edlem Holz, Metallen - und dem schillernden Perlmutt. Auch jetzt gibt es alles an Näh- und Strickzubehör, was Besuche sehr lohnend macht. 

Allerdings gibt es einen kleinen Schönheitsfehler für die Umbenennung der Haltestelle in Knopferl: Der Unterbau der Wiedner Hauptstrasse besteht nicht aus Perlmutterabfall wie bei der Gallitzinstraße in Wien-Ottakring, als deren Basis riesige Abfallmengen der Perlmutt-Produktionen genützt wurden. 

Um 1900 zählte das Gewerbe der Perlmutterdrechsler und -graveure zu den angesehensten Handwerksberufen und umfasste in Wien rund 530 Betriebe, die zusätzlich Heimarbeiter beschäftigten. Die meisten Werkstätten lagen in Ottakring, Hernals und Dornbach.

Aber nicht nur für den Strassenbau wurden Perlmutt-Reste verwendet, auch Kinder waren davon fasziniert: Als der Historiker Martin Stürzlinger an einer Chronik der Braungasse im 17. Bezirk arbeitete - benannt nach dem Gynäkologen Carl Braun (1823 - 1891) -, fand er in einigen Gärten Perlmutt-Reste. Familien erzählten ihm von Großmüttern, die den schimmernden Schatz vom heutigen Kongresspark in Ottakring - einer ehemaligen Sandgewinnungsstätte und Mülldeponie - zum Spielen schürzenweise heimgetragen hatten. 

Perlmutt-Waren werden in Österreich auch heute noch erzeugt, allerdings nur noch in einem einzigen Betrieb, nämlich der Perlmutt-Manufaktur am Rande des Nationalparks Thayaland. Der 1911 gegründete und als RM Perlmuttdesign GmbH immer noch bestehende Familienbetrieb produziert jährlich rund 8 Millionen Knöpfe, vorwiegend für Luxusmarken. Aber auch Schriftzüge für die Bösendorfer-Klaviere oder Innenausstattungen für Privatjets, Yachten, Kreuzfahrtschiffe und Luxushotels werden hergestellt – alles vor Ort anzuschauen. 

 

Das schillernde Material aus Calciumcarbonat, einer Art Kalk, kommt schon lange nicht mehr aus der Thaya, sondern von Muschelfarmen in Indonesien, Australien und Japan.

Ein einschneidendes Jahr war 2004 - Stichwort Tsunami im Indischen Ozean: Die Erdbebenfluten zerstörten viele Muschelfarmen. Davor kostete ein Kilo Rohmaterial ca. 9 bis 11 US-Dollar, heute liegt der Kilopreis zwischen 45 und 48 $. 

Auch Corona hatte Einfluss auf die Knopfproduktion: Der Übergang zum Home-Office führte dazu, dass sich die Kleidung änderte: man(n) benötigt nun nicht mehr 5 edle Hemden pro Woche, sondern nur noch eines. Entsprechend fiel die Produktionsmenge auf 1,2 Mio Perlmuttknöpfe. Inzwischen hat sich die Zahl wieder erholt und der deutsche Schlagersänger Bata Illic könnte seine Schnulze von 1976 aufleben lassen: Ich möcht‘ der Knopf an Deiner Bluse sein!“

Die Reise ins Waldviertel ist lohnend, aber es gibt auch im Ottakringer Bezirksmuseum wahre Schätze aus der Geschichte der Perlmuttdrechslerei zu sehen! Holzdrehbänke, Werkzeug, Musterkartons, Fotos, Dokumente, auch wunderschöne Objektbeispiele, etwa Konfekt-Dosen und Zigarren-Halterungen aus geschliffenen Muschelschalen. 

Die Kehrseite des Gewerbes war die gesundheitliche Belastung der Arbeiterinnen und Arbeiter: Staublungenerkrankung (Silikatose). Heute wird der entstehende Staub hingegen unmittelbar abgesaugt und als Dünger für saure Böden verkauft.

Doch Perlmutt ist nicht nur ein Luxusgut, sondern auch Impulsgeber für die Wissenschaft: So werden etwa an der Leibniz Universität Hannover seine Eigenschaften für die Herstellung von Gelenkprothesen erforscht. Denn Perlmutt ist aufgrund seiner Zusammensetzung den bislang verwendeten Materialien überlegen: Elastischer als Keramik und stabiler als Metalle und Kunststoffe. 

Vielleicht ist dafür der Symbolgehalt von Perlmutt hilfreich: Es schützt vor Zauber und stärkt Kraft und Geschicklichkeit.