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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

10/2016: Mein Novemberkrimi

Bloß weil er lächelnd auf seine Kamera gedeutet hatte

Als sich die Wasseroberfläche wieder geschlossen hatte, hörten die beiden Katzen zu fressen auf und verkrochen sich im ungepflegten kleinen Garten. Der Aufprall des gefesselten Körpers auf dem Wasser, der ungleiche Kampf gegen die Fluten, die ihn mitrissen und seine Lungen füllten, hatten die Karriere einer Malerin jäh beendet, einen von den Medien ausführlich kommentierten Scheidungskrieg eingeleitet, eine Frau zur Witwe und zwei Katzen zu Halbwaisen gemacht.

Aber zu diesem Zeitpunkt fühlten es lediglich die Katzen.

Eine bessere Beherrschung von Fremdsprachen hätten den Mord vielleicht verhindern können. Doch unser Schulsystem fördert sie nicht genug. Und der Ertrunkene? Auch er kam aus einem Land mit großer Vergangenheit aber schlechten Sprachkenntnissen. Die fehlende Verständigungsmöglichkeit ihm anzulasten würde heißen, die Schuld beim Opfer zu suchen statt bei den Tätern.

Die Kamera des freundlich nickenden kleinen Mannes, der von den Fluten nach Osten geschwemmt worden war, landete gleichfalls im Wasser, was weiter zum so plötzlichen Ende der künstlerischen Karriere beitrug.

Nichts davon ahnte der Spaziergänger, der die Leiche gefunden hatte. Er war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, die ihn zu früh für einen Feiertag geweckt und hinausgetrieben hatten. Nachdem er die Tage zuvor viel zu lange über seinen Planungen und Zeichnungen gesessen war, musste er sein Hirn auslüften, seinen Rücken strecken, seine Beine vertreten und seine Augen erfrischen.
 
Als die Donau sie freigab, war die Leiche ‚nicht mehr ganz frisch’ – eine Formulierung des Polizeiarztes, mit der er ihren Zustand in eine beschönigende Wendung hüllte. Daher konnte es anfangs gar nicht auffallen, dass die Gesichtszüge sehr fremd waren.
 
Am anderen Ende der Stadt fuhr eine jüngere Dame ihren Porsche zum Tanken; eine günstige Gelegenheit für den Kauf eines neuen Abschleppseiles. Ihres war ganz von selbst irgendwohin verschwunden; manche Dinge sind eben plötzlich weg. Sie kaufte auch eine Zeitung, doch machte sie das nicht verdächtig.

Zu diesem Zeitpunkt vermisste noch niemand den japanischen Professor. Es war seine Art, die Wien-Aufenthalte mit mehr Kulturprogramm als wissenschaftlicher Arbeit zu füllen. Er liebte Wien, saß in jedem Konzert, bemühte sich um Opernkarten, führte Buch über alle Kaffeehäuser, die er schon besucht hatte und die er noch besuchen wollte. Wenn er gerade nicht zu kurzen Kulturausflügen in die Nachbarländer unterwegs war, lief er stundenlang durch die Stadt, betrachtete klassizistische Dächer, barocke und neobarocke Portale, neugotische Fenstersimse, historisierende Erker, alte und neue Regenrinnen, Karyatiden, Brunnenfiguren, Wasserspeier, die gemächliche Wanderung von Licht und Schatten über geborstene Wände, über abbröckelnden Verputz und das Abbild von Sträuchern und Bäumen auf sonnenbeschienenen Mauern. Was ihm am besten gefiel fotografierte er und brachte es seiner Frau.
 
Viel konnten die Ermittler nicht ermitteln bei der Untersuchung des Angeschwemmten. Seine unfreiwillige Reise in den Fluten hatte ihn seiner Kleidung beraubt; als erstes die Schuhe, dann nach und nach alles andere. So gab es keine Hinweise durch Kleideretiketten, durch Tascheninhalte. Erst die Gerichtsmedizin führte zu Erkenntnissen: Als der  Ertrunkene in die Sensengasse gebracht und dort vom Leichenwagen in den Kühlraum geschafft worden war, sah der Obduktionsgehilfe Seebohm auf einen Blick „Des is a Chineser!“. Auf Seebohms Auge war Verlaß; er hatte schon manche Beobachtung gemacht, die später bei der Obduktion wichtig wurde. Vor allem junge, wenig erfahrene Gerichtsmediziner taten gut daran, Seebohm nach seiner Einschätzung zu fragen. Also ‚a Chineser’.
 
Der ‚Chineser’ war ein zarter kleiner Herr von vielleicht 50 Jahren, der nachweislich ertrunken war. Die Fesselung hatte Druckspuren an Händen und Füssen hinterlassen, woraus man schließen konnte, dass sie zu seinen Lebzeiten erfolgt war.

Inzwischen saß der Spaziergänger wieder über seinen Zeichnungen und Plänen, krümmte seinen Rücken, mühte seine Augen und erschöpfte seinen Geist bei seiner Arbeit in einem großen Architekturbüro. Seinen reichen Chef sah er mehr in den Gesellschaftsspalten der Hochglanzmagazine als im Büro. Dieser war wohl vor allem damit beschäftigt, mit seiner viel jüngeren Frau von Party zu Party zu eilen.

Erkundigungen der Kriminalbeamten in den chinesischen Kreisen Wiens brachten wie zu erwarten keine Hinweise. Auch die Botschaft konnte leider nicht weiterhelfen. Erst die Erwähnung der unbekannten Leiche aus der Donau in den TV-Nachrichten brachte einen ersten Erfolg. Der prominente Mediziner Prof. Fitz meldete das Verschwinden eines Gastwissenschafters. ‚Fitz-sensei’, wie der prominente Chirurg wegen seiner häufigen Japanreisen halb spöttisch-halb liebevoll genannt wurde, hatte einen japanischen Kollegen und Freund zu einem mehrwöchigen Wien-Aufenthalt an seiner Klinik. Zum vereinbarten Vortrag war dieser jedoch nicht erschienen. Das schien seltsam, da er ansonsten geradezu ein Vorbild an liebenswürdiger Höflichkeit war.

„Das Motiv! Ich sehe das Motiv nicht“, brüllte der Chefinspektor über den langen Gang des Polizeigebäudes, als sich Prof. Fitzs Verdacht als wahr erwiesen hatte. Der Ertrunkene aus der Donau war tatsächlich sein japanischer Gast gewesen, der die freie Zeit zu ausgedehnten Spaziergängen benützt hatte, um Ansichten für seine malende Ehefrau zu fotografieren. Nach längerem Nachdenken fiel dem Chirurgen ein, dass der japanische Freund in letzter Zeit von den verfallenden und schon ziemlich zugewachsenen Lagerhäusern und Gewerbegebäuden an der Donau geschwärmt hatte.
 
Die Aussage eines auf Eheverträge spezialisierten Anwaltes hätte der Polizei weiterhelfen können, doch gab es dazu noch keine Veranlassung.

 

Kriminalisten durchkämmten das in Frage kommende Gebiet. Spuren zu finden war fast aussichtslos. Dort trafen sich Leute, die nicht gesehen werden wollten, und deren gab es nicht wenige. Die aufgefundenen Reifenspuren waren zahlreich und stammten meist von großen teuren Wagen. Außerdem hatte es in den letzten Tagen wiederholt geregnet.

Eine vorsichtige und taktvolle Befragung der völlig verzweifelten Witwe im fernen Japan blieb ebenfalls ergebnislos. Sie wusste nur wenig über das berufliche Leben ihres Mannes; war zwar mit ihm schon einmal in Wien gewesen, erinnerte sich aber mehr an malerische Hausmauern, Schattenbilder und andere Anregungen für ihre Arbeit als an Begegnungen. Sogar eine Ausstellung ihrer Werke in der Galerie des Allgemeinen Krankenhauses war schon einmal im Gespräch gewesen.

Der entscheidende Hinweis kam schließlich vom betrogenen Architekten. Alt aber reich war ihm schon zum Zeitpunkt der Heirat mit seiner viel jüngeren ehemaligen Angestellten klar gewesen, dass sein privates Glück möglicherweise eine rein geschäftliche Verbindung war. Jugend und Schönheit gegen Glanz und Reichtum. Um seine - wievielte? - Frau auf dem Weg der Tugend zu halten, hatte er vertraglich festgelegt, dass Glanz und Geld mit dem häuslichen Herd verknüpft waren. Kämen ihm Seitensprünge zu Ohren, wäre es mit ihrem schönen Leben vorbei.

Die arme Maus hatte sich viele Jahre redlich bemüht, den lukrativen Ehevertrag einzuhalten. An Reichtum kann man sich gewöhnen; sie wollte ihre Zukunft nicht gefährden. Doch eines Tages konnte sie Herz und Sinnlichkeit nicht länger kasteien. Ihre heimliche Liebe traf sie unter größtmöglicher Vorsicht und an so verschwiegenen Plätzen, dass niemand sie sehen würde.
 
Außer der japanische Professor auf seiner Motivsuche. Er hatte gelächelt. Er hatte sich verbeugt. Er hatte vielsagend auf seine Kamera gedeutet. Etwas später flüchteten die Katzen ins Unterholz des Gartens.                 

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