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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

1/2019: Ein Übel oder ein Übel.

www.meinbezirk.at (2016)

Die Wiener Naschmarkt-Standlerinnen waren berühmt bärbeissig. Wehe, man berührte ihre  Pyramiden aus aufgetürmten Äpfeln, Tomaten oder Salatköpfen. Am liebsten hätten sie jedem sofort die Finger abgeschnitten. Nur nicht den japanischen Kunden, die von ihren diplomatischen oder sonstigen Außenposten jenseits des Eisernen Vorhanges zum Einkaufen nach Wien kamen: Sie suchten sich den einzig wahren Salatkopf, Rettich oder Paradeiser eigenhändig aus - oder sie kauften nichts. Das war eine Sprache, die die Marktfrauen schnell lernten. Asiaten hatten fortan das Privileg der eigenhändigen Auswahl. Wenn wir Wiener dasselbe wagten, wurden wir weiterhin gebissen.

Aus Zeitungspapier gedrehte Stanitzel waren typisch für den Naschmarkt.

Wer heute auf den Naschmarkt geht, darf sich sein Gemüse zwar selbst aussuchen, aber es gibt nicht mehr viel davon. Stattdessen locken Schürzen mit dem Aufdruck 'I love Naschmarkt' (vermutlich Made in China), Gratiskostproben von orientalischen Leckereien und hunderterlei abgepackte Gewürze, die zu Hause dekorativ vergilben werden. Die Fressmeile nicht zu vergessen, in der sich ein Restaurant an das andere reiht. Zum Einkaufen des Wochenbedarfs von Karotten, Tomaten, Endiviensalat oder Kartoffeln taugt der Naschmarkt nicht mehr.

Aber zu beiden Seiten des Marktes gibt es jede Menge Supermärkte mit einem großen Angebot an Frischobst- und -gemüse, hygienisch in Plastik abgepackt. Eben. Wenn ich meine Supermarkt-Einkäufe aus den Umhüllungen geschält habe, ist ein Gang zum Plastikmüllbehälter fällig. Ich brauche gar nicht erst die in Plastik erstickten Meeresbewohner anzuschauen, um zu einer Plastikhasserin zu werden. So habe ich aus vollem Herzen Geld für das Unternehmen Ocean Cleanup gespendet, auch wenn deren Technologie noch stark fehleranfällig ist.

Foto: Petra Haider. Zum Vergrößern bitte klicken

Spenden ist gut, Selbermachen ist auch gut. Eine Gelegenheit dafür gab es, als ich für ein Buch Texte zu Olivenbaum-Fotos schreiben durfte.* Auf meinem Schreibtisch sammelten sich schön gemaserte Olivenholzstücke, abgenagte Olivenkerne, eingerollte vertrocknete Olivenblätter. Ich rief Beatrix an, in deren Papierwerkstatt ich Buchbinden gelernt hatte: „Kannst Du aus Olivenholzspänen Papier machen?" „Hmmm. Die Früchte scheiden aus; über die Blätter weiß ich nichts; aus dem Holz könnte man wahrscheinlich etwas machen. Soll ich es probieren? Aber ohne Garantie!“

Das Ergebnis war aufregend und enttäuschend zugleich: Papierbögen aus jahrhundertealtem Olivenbaumholz. Bräunlich mit vielen holzigen Einschlüssen, rau und grob, nicht glatt, sondern steif und brüchig. Schön zum Angreifen, aber untauglich für jegliche Verwendung. Die fehlende Bindungsfreudigkeit der harzreichen Holzfasern muss durch den Zusatz von großen Anteilen an Baumwolle und Manilahanf ausgeglichen werden.

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Andere Holzarten sind für die Papierproduktion wesentlich besser geeignet. Etwa das des Eukalyptusbaumes. Ich liebe den Geruch von Eukalyptus, bücke mich auf unseren Madeira-Wanderungen ständig nach den heruntergefallenen Früchten, die mich noch Monate lang an unsere Reise erinnern. Eukalyptusbäume wachsen schnell und versorgen die Papierindustrie Spaniens und Portugals mit großen Rohstoffmengen. Eukalyptusbäume bremsen auch die Erosion der Insel, indem sie die fruchtbare rote Vulkanerde festhalten, die ansonsten von den starken Regengüssen hinuntergeschwemmt würde.

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Bis die Verantwortlichen auf Madeira aber den Nachteil ihrer Eukalyptuseuphorie erkannten, dauerte es leider viele Jahre: Die ursprünglich in Australien beheimateten Bäume verdrängen die angestammte Vegetation und nehmen ihren Nachbarn das Wasser weg - bis zu 500 Liter Wasser braucht der Eukalyptus am Tag, seine Wurzeln bohren sich knapp 20 Meter tief in den Boden. Doch es kommt noch schlimmer: Eukalyptus brennt wie Zunder. Seine langen schmalen Blätter und die langen schmalen Streifen seiner Baumrinde fungieren gleichsam als fliegende Brandbeschleuniger. Große Teile der Insellandschaft sind wiederholt abgebrannt, viele Häuser in den Hügeln sind nur noch Brandruinen, starke Winde wehten die Feuer sogar bis hinunter in die Hauptstadt Funchal, Menschen kamen ums Leben. Doch eine wachsende Nachfrage nach Papier wird die Eukalyptusanpflanzungen weiterhin fördern.

Zwischen zwei Übeln zu wählen ist schwierig. 

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* Ein anderes Buch über Olivenbäume - weder Kochbuch noch griechische Mythologie! Eine Reise durchs Jahr zu Petra Haiders stimmungsvollen Fotos: Wissenswertes, Nützliches, Lustiges und Seltsames. Von Luxusautos bis Pepitastoff. Von Weitspucken bis Mighty Mouse. Und über Olivenöl. 170 Seiten. € 30. Erschienen 2018. Zu bestellen .

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