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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

2/2015: Müssen Nacktschnecken umbenannt werden?

„Diese Tiere freuen sich in Wien über Schnee“, lese ich in einem Bericht über den Tiergarten Schönbrunn.

Wird schon stimmen.

 

Aber weiter: „Nach dem Spazieren im Schnee ... schätzen (die Geparde) ... ihr warmes Plätzchen mit Fußbodenheizung.“

Darf ich fragen, wie Geparde „spazieren“? Und wie „schätzen“ sie die Annehmlichkeiten ihres Käfigs?

„Schönbrunn-Giraffen freuen sich auf neues Zuhause“, schreibt eine volkstümliche österreichische Zeitung. Auch dieser Bericht lässt Fragen aufkommen: Streichen Giraffen Tage auf ihren Kalendern ab? Sinnieren sie schon über Einrichtungsideen, Farbkarten und Möbelhauskatalogen?

Fein, dass wir den tierischen Mitbewohnern unseres Erdballs solche Gefühle zutrauen. Aber wie steht es dann mit den Benennungen unserer Fauna und Flora? Müssten sie nicht (zumindest) wertneutral sein, weder Kränkungen, Diskriminierungen noch falsche Assoziationen zulassen? 

'Russischer Bär', Quelle: Wikipedia

Wer will angesichts der heiklen politischen Entwicklung beispielsweise ‚Russischer Bär’ (lateinischer Name ‚Euplagia quadripunctaria’) heißen?

Sollten wir nicht die Tier- und Pflanzenwelt mit unseren Kriegen verschonen? So sind etwa Pflanzennamen wie ‚Kalmückennuss’ (Prunus tenella) und ‚Indianerkraut’ (Eupatorium perfoliatum) ebenso zu vermeiden wie ‚Surenbaum’ (Toona), ‚Pfaffenhütchen’ (Euonymus europaea), ‚Mönchspfeffer’ (Vitex) und ‚Judasbaum’ (Cercis siliquastrum).

Stinktier, Quelle: skunkinfo.beepworld.de

Ich plädiere für das Recht auf Selbstbestimmung des eigenen Namens. Hat man die Betroffenen gefragt, ob sie ‚Stinktier’ (Mephitidae), ‚Afterspinne’ (Phalangidae) oder ‚Spanner’ (Schmetterling ‚Xanthorhoe cf ferrugata’) heißen wollen? Nicht wertschätzend sind auch die Vogelnamen ‚Warzenkopf’ (Pityriasis gymnocephala), ‚Tölpel’ (Sulidae) und ‚Stachelbürzler’ (Campephagidae).

Liebesperlenstrauch, Quelle: eggert-baumschulen.de/

Ist es noch zumutbar, der Gruppe der Limacidae den deutschen Namen ‚Nacktschnecken’ zu verpassen? Darf Vitex agnus-castus weiterhin ‚Keuschbaum’ oder - huch! - 'Liebfrauenbettstroh' genannt werden? Und Callicarpa ‚Liebesperlenstrauch’?

Und noch ein Schritt weiter: Sind tierische Schimpfworte noch artenpolitisch korrekt? Der Ausruf „Du blöde Schnepfe“ diskriminiert beispielsweise ‚Machetes pugnax Cuv’. ‚Dumme Kuh’ und ‚Blindes Huhn’ sind ebenso abzulehnen wie ein einfaches ‚Dreckschwein’, ‚Sauhund’, ‚Angsthase’, ‚Lustmolch’, ‚Hornochse’, ‚Mondkalb’ und ‚Schafskopf’.

Die Schmähung 'Du taube Nuss' ist sogar eine biologische Mehrfachbeleidigung.

Spaß beiseite! „Schwedens Vogelwelt wird politisch korrekt“, lese ich in der Zeitung vom 27. 2. Bei der Sichtung der schwedischen Vogelnamen habe sich herausgestellt, dass einige von ihnen rassistische Assoziationen weckten und daher geändert werden müssten, etwa ‚Zigeunervogel’ und ‚Negerfink’. Sehr lobenswert! Ich hätte noch den ‚Kleinen Mohrenfalter’ (Erebia melampus) und den ‚Judendorn’ (Ziziphus) beizutragen.

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