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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

3/2014: Molche in meinem Schlafzimmer

Hallo ###USER_email###,

Sonntag früh. Zeit zum Ausschlafen. Geht leider nicht. Denn der Mann neben mir ist schon wach und kichert. Und raschelt. Und blättert um. Und gluckst weiter vor sich hin.

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Der reiche Gentleman Bertie Wooster, sein Kammerdiener Jeeves, Berties dicklicher Freund Tuppy Glossop, der fischgesichtige Gussie Fink-Nottle und andere komische Romanfiguren von P. G. Wodehouse (1881-1975) sind bei uns eingezogen. Ich wickle mir die Decke über den Kopf und versuche weiterzuschlafen.

Schnitt. 35 Jahre später. Bertie Wooster, Jeeves, Tuppy Glossop und Gussie Fink-Nottle sind zurück. Ehemann 1 versorgt Ehemann 2 mit den Bänden, die dieser noch nicht hat. Jetzt kann ich mich nicht mehr wehren, denn ich bekomme vorgelesen. Mit britischem Akzent. Und kichere nun selbst.

Der schüchterne Gussie Fink-Nottle hat es mir angetan, der es einfach nicht schafft, seiner Angebeteten die Frage aller Fragen zu stellen.

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Er klagt seinem Freund Bertie: „Schau Dir die Molche an. Während der Paarungszeit ist der männliche Molch großartig gefärbt. Das hilft ihm sehr.“ „Aber Du bist kein Molch.“ „Ich wünschte, ich wäre einer. Weißt Du, wie ein männlicher Molch um die Hand seiner Liebsten anhält, Bertie? Er steht vor ihr, klopft mit dem Schwanz und biegt seinen Körper zu einem Halbkreis. Das könnte ich im Schlaf. Wäre ich doch bloß ein Molch, ich würde mich nicht beklagen!“

Mit einem neuen Partner bekommt man auch neue Lektüre. Wir lesen jetzt den Guardian. Eine meiner Lieblingskolumnen ist ‚Nature watch’.

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„Plötzlich hatte ich eine Erscheinung, als ich in einem abgelegenen Winkel des Gartens einen Topf aufhob. Brutal den grellen Sonnenstrahlen zwischen Regenschauern ausgesetzt lag da ein unbewegliches Wesen – so lang wie eine Fingerspanne, den Schwanz zu einem Fragezeichen geringelt, die schimmernde Haut dunkel und warzig.“ Man sieht ihn vor sich, den kleinen Wassermolch, auf den der Journalist und Naturschützer Paul Evans gestoßen ist. „Hier war er, der Salamander meiner Mythenwelt, das Geschöpf des Feuers, das dank jahrtausendealter magischer Fähigkeiten verloren gegangene Gliedmassen ersetzen kann und das schon Aristoteles faszinierte.“

Fast 60 Zeilen lang beschreibt Evans was er sieht und was er dabei fühlt: Farben, Formen, Fähigkeiten, Bewegungen, Eigenschaften. Genaue Bilder entstehen vor den inneren Augen der Leser. Nur dort. Denn die Kolumne kommt ohne Fotos aus. Es gibt nicht einmal eine Zeichnung. Wo bleibt das Credo ‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte’? Laut Wikipedia „eine Metapher für den Mehrwert von Bildern gegenüber ausschließlichem Text.“

Evans macht es anders: Er visualisiert nichts. Seine Naturschilderungen in Zeitungen und Radioprogrammen kommen seit mehr als 20 Jahren ohne Bilder aus. Kopfkino pur. Seine Leser und Hörer lieben es. Irgendwie beruhigend, dass in unserer bilderorientierten schnellkonsumierbaren Medienwelt das angeblich überholte Konzept des puren Textes immer noch perfekt funktionieren kann.

A propos Molche: Obwohl auf der britischen Insel nur drei Arten heimisch sind (siehe hier), haben sie eine große Anhängerschaft. Einer der prominentesten ist der frühere Bürgermeister Londons, Ken Livingstone. Weil er sich seit Jahrzehnten dem Züchten von Molchen ‚hingibt’, mußte er sich im Wahlkampf das Attribut ‚Molchkönig’ gefallen lassen.

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