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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

3/2018: Mein Freund, der Elefantenfuß

Quelle: alarmy.com
Quelle: alarmy.com

Eigentlich habe ich mir für mein gesundheitliches Intermezzo die richtige Saison ausgesucht: Wer zwischen Anfang Jänner und Ende März mit Gips und Krücken dahinkriecht, kann sich der mitleidsvollen Blicke seiner Umgebung sicher sein. „Oh je, sicher ein Schiunfall!“ Die Statistiken verzeichnen 52.100 Ski- & Snowboard-Unfälle pro Jahr.

 

Das Mitleid erlischt aber augenblicklich, wenn ‚die/der Arme’ nicht in der Opferrolle verharren will sondern den Erwerb von 1 Joghurt, 1 Stück Käse und 3 Äpfeln im nahestgelegenen Supermarkt als Mobilitätstraining ansieht, das es zu bewältigen gilt. Gleich wird aus dem bemitleidenswerten Opfer ein hassenswertes Störelement.

Schon die Eingangsfrage „Korb oder Wagerl?“ lässt sich nur mit einem doppelten ‚Nein!’ beantworten, wenn beide Arme dafür gebraucht werden, das operierte Knie zu entlasten. Aber man kann ja an die Krücke ein Sackerl hängen, in das man die Einkäufe füllt.

Zuvor muss man die Äpfel abwiegen. Die Krücken kann man inzwischen irgendwo anlehnen und so lange auf dem gesunden Bein stehen. Irgendwo anlehnen. Wo genau? Die Dinger sind relativ unförmig und stark der Schwerkraft unterworfen, will sagen, sie haben den unaufhaltsamen Drang zu Boden zu fallen. Daher schräg anlehnen. So rutschen sie zwar (hoffentlich!) nicht, stellen aber Stolperfallen für die anderen KundInnen dar. Also immer schön ein Auge drauf haben. Das beschleunigt den Wiegeprozess nicht eben. Warum muss man auch in den letzten Tagen vor Ostern einkaufen gehen, wenn rundum Hektik herrscht? ‚Essen auf Rädern’ ist doch sicher auch ganz gut und stört niemanden.

Endlich an der Kassa angekommen, stehe ich in einer Schlange. Länger, es ist ja knapp vor dem Osterwochenende. Länger stehen kann ich aber grad nicht so gut, ich würde mich lieber irgendwohin setzen. Wohin genau? Die einzig sitzbaren Elemente sind die Heizkörper beim Fenster, leider auf thermischem Hochbetrieb und außerdem fernab der Schlange vor der Kassa. Mein Rettungsplatz ist schließlich der Elefantenfuß (aka Tritthilfe) vor dem Süßwarenregal.

Dorthin ziehe ich mich zurück, nachdem ich Joghurt, Käse und Äpfel am Förderband abgeladen habe. Die beiden Nachbarn in der Schlange nehmen zur Kenntnis, dass ich wieder auftauchen werde, neu Hinzukommende reagieren eher ungehalten, schließlich haben sie es eilig. Der Supermarkt erbarmt sich endlich. Erbarmt sich ihrer, nicht meiner: Eine zweite Kasse wird geöffnet.  

Am nächsten Tag wage ich mich sogar schon einen Häuserblock weiter in den Drogeriemarkt. Frau will ja auch Zähne putzen und Wimpern tuschen, wenn sie sich grad nicht jung & sportlich fühlt. Auch hier laden Körbe und Wagerl dazu ein, mit Waren gefüllt zu werden. Auch hier gibt’s ein doppeltes Nein. Leider führt der Drogeriemarkt kein Frischobst und hat daher auch keine Rolle mit Plastiksackerl, das ich an die Krücke hängen könnte. Das von gestern habe ich zu Hause vergessen – eine Knieoperation vermittelt nicht automatisch das nötige Wissen zur eingeschränkten Alltagsbewältigung. Zahnpasta und Mascara sind zum Glück klein, kann man also sogar zwischen den Fingern halten, während die Hände mit dem Manövrieren der Krücken beschäftigt sind. Aber Seife ist zu Hause auch aus. Wie tragen? „Darf ich meine Einkäufe in meinen Rucksack stecken und dann an der Kassa ausleeren?“ frage ich die Regalbetreuerin. Sie nickt gnädig. Das ist lieb von ihr, trotzdem schwierig, denn dazu muss ich erst meine Krücken irgendwo anlehnen (wo?), den Rucksack vom Rücken holen, den gewünschten Konsumartikel hineingeben, Rucksack auf den Rücken, die umgefallenen Krücken vom Boden aufklauben, weitergehen. Das schlaucht. Ich würde mich jetzt gerne irgendwo hinsetzen. Erst nach und nach fällt mir auf, dass es nirgends Sitzgelegenheiten gibt. Nirgends. Zum Glück steht in der Müsliabteilung ein Elefantenfuß, den ich besetze, bis sich mein Kreislauf wieder eingependelt hat.

Quelle: euinfo.de

Um an der Kassa auspacken zu können, muss ich meine Krücken loswerden. Ich lehne sie an die aufeinandergestapelten Einkaufskörbe. Diese türmen sich auf einem vierrädrigen Untersatz, der die Anlehnung als Aufforderung missversteht sich in Bewegung zu setzen. Mit einem Klimmzug kann ich Körbe samt Krücken festhalten, mich selbst an den Tresen pressen und den Rucksack vom Rücken nehmen. Nun räume ich ihn aus, lege meine Einkäufe vor die Kassierin. Ich fange ihren verunsicherten Blick auf und biete an, sie könnte gerne in meinen Rucksack schauen. Noch ein Zwischenstopp auf dem Elefantenfuß und dann langsam heimwärts. Mein heutiges Tagespensum ist erfüllt.

Quelle: amazon.de

Vor einigen Wochen begleitete ich eine Tante zur Bank. Sie wollte etwas aus ihrem Safe holen. Da sie schon älter ist und nicht gut gehen kann, war sie über eine Begleitung froh. Wir absolvierten den Sicherheitscheck und trugen ihre Box in die dafür vorgesehene Zelle.

Während sie kramte, sah ich mich um. Am meisten beeindruckte mich die Fürsorglichkeit der Bank, die an der Tischplatte Halterungen für Krücken montiert hatte. „Sie kennen eben ihre Kundinnen“, dachte ich anerkennend „und versuchen sie zu unterstützen.“

Jetzt, mit meinen Erfahrungen als interimistisch immobile Person, frage ich mich, warum die Anbringung von Halterungen für Krücken und die Installation einer Sitzgelegenheit in den Überlegungen von Supermärkten und Co. gar nicht vorkommt. Die NutzniesserInnen wären zahlreich. Unfallquellen gibt es viele: Nicht nur Ski- & Snowboard-Fahren, auch Strassenverkehr, Berufsunfälle und Haushalt. Insgesamt eine große Zahl ihrer KundInnen, die sich trotz Gips und Krücken Joghurt, Käse und Äpfel kaufen wollen, statt zu warten, bis die/der Liebste abends von der Arbeit heimkommt und sie versorgt.

Meine bisherigen 'Fingerübungen' und Newsletter können hier nachgelesen werden. Ich freue mich, wenn sie weiterverbreitet werden!

Meine Fingerübungen kommen hin und wieder, wenn ich etwas zu erzählen habe.
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