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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

5/2017: Schönschrift. Gutschrift.

Niemand sitzt gerne fünf Stunden eingezwängt im Flugzeug. Auch das großzügig verteilte ‚Schöggeli’ der Swiss Air machts nicht viel besser.

Aber man hat Zeit zu lesen, was man vorher im gut sortierten Flughafen-Shop gekauft hat: Bis dahin unbekannte Zeitungen und Zeitschriften.

Beispielsweise ‚The Interior Post‘. Ein ungewöhnliches Magazin für Wohnkultur, viermal jährlich, kostet rund zehn Euro. Wenn ich jetzt sage, was mir am allerbesten gefallen hat, kränke ich die Redaktion, das tut mir leid. Ich sags trotzdem: Das Vorwort des Herausgebers Uwe van Afferden aus Düsseldorf. Genauer gesagt seine Unterschrift. Er schreibt nämlich in Kurrent - auf deutschdeutsch ‚Sütterlin‘.

Foto: Spork's Haarmanufaktur & Der Barbier

Außer meiner betagten Mutter kenne ich niemanden, der Kurrent schreibt. Aus seinem Foto schliesse ich allerdings, dass v. A. noch nicht so alt ist. Warum also Kurrent?

Die Antwort kam per email, allerdings nicht von ihm selbst, weil er auch keine emails mag. Er beklagt, dass die einst bestehende Vielfalt von Schriften verloren gegangen ist und dass so viele Dokumente und Briefe der Vergangenheit ihre Bedeutung verlieren, weil niemand sie mehr lesen kann.

So hat er sich in den Kopf gesetzt Sütterlin zu lernen, täglich geübt und schreibt gelegentlich sogar die redaktionellen Themenpläne in dieser „schönsten deutschen Schrift“.

Ich kann der Kurrentschrift nicht dieselbe schwärmerische Bewunderung entgegenbringen wie Herr van Afferden, denn ich plage mich bei historischen Recherchen häufig sehr: Auch unsere Väter und Vorväter hatten gelegentlich eine ‚Sauklaue‘; sogar Amtspersonen würde ich nachträglich gerne in einen Schönschreibkurs schicken.

Heute ist die Handschrift in mehr als 60 Ländern das 'lateinische' Alphabet, theoretisch einheitlich, trotzdem national durchaus unterschiedlich. Mein englischer Mann rätselt gelegentlich über meinen Einkaufslisten, nicht aus sprachlichen, sondern aus schrifttechnischen Gründen. Genau so geht es mir mit seinen Notizen.

Ekke Wolf (Foto: Marisa Vranjes)

Im Gegensatz zu Handschriften ist die Vielfalt von Druckschriften riesig und völlig unübersehbar. Allein im Bereich des 'lateinischen Alphabets' kommen jährlich geschätzt 2.000 dazu.

Einer der Verursacher dieser Flut ist Ekke Wolf, Dozent an der New Design University in St. Pölten.

Zwölf Jahre lang hat er getüftelt, Einfälle auf Papierschnipsel und alte Briefumschläge gekritzelt, geformt, poliert, optimiert, digitalisiert, Schriftbild und Lesbarkeit in verschiedenen Betriebssystemen ausprobiert, Millimeterbruchteile von Laufweite und Zeichenbreite angepasst.

Herausgekommen ist seine Schriftfamilie Ermis Pro.

Rezensenten loben ihre leicht unregelmäßigen Konturen aus der Verwendung von Kalligrafiefedern auf Papier, in Verbindung mit der eleganten Form einer Serifenschrift.

Jeder Buchstabe ist ein Einzelstück, hat seine individuelle Krümmung, Linienführung, Ansatz der Kehle. Wolf hätte es sich einfacher machen können, doch Buchstaben aus Basisbausteinen zusammenzufügen ist nicht sein Ding. Herausgekommen ist nicht nur das lateinische sondern auch das griechische und das kyrillische Alphabet sowie der komplette phonetische Zeichensatz, Kapitälchen und neun Ziffernsätze.

Doch Schönheit und gute Lesbarkeit hängen nicht allein vom Schreiber und der Schrift ab, sondern leider auch vom Verständnis der Anwender für ihre Zielgruppe.

Gerade lese ich wieder einmal Paco Underhills Klassiker „Why we buy“, erstmals erschienen im Jahr 1999 und inzwischen in 27 Sprachen übersetzt.

Im Kapitel „If You Can Read This You Are Too Young“ beschäftigt er sich mit den Bedürfnissen der wichtigsten, reichsten, größten und am schnellsten wachsenden Konsumentengruppe im Jahr 2025, also schon ziemlich bald, nämlich den Senioren.

Obwohl es gesichertes Wissen ist, dass die Sehkraft ab 40 abnimmt, sind Beschriftungen von Cremes für die „reife Haut“ nicht größer als die der pubertären Pickelcreme - nur der Preis unterscheidet sich, sogar erheblich. Die eingenähten Pflegeetiketten in Kleidern aus edlen Stoffen sind zwar umfangreicher als die in Discount-T-Shirts, aber weit entfernt von besser lesbar. Die Angaben über Jahrgang, Anbaugebiet und Herkunft von teurem Wein oder kostbarem Olivenöl erreichen eine Zielgruppe, die es sich nur selten gönnen kann. Fahrpläne für Züge, eingestanzte Schuhgrößen in Sneakers, der Fair-Trade-Kleber auf Obst, die Preisangabe auf Briefmarken, die Anleitung für die Waschmaschine: zu klein und/oder zu kontrastarm.

Grafiker, Designer und Marketingleute leben in einer optischen Welt, die der ihrer Zielgruppe nicht entspricht. Eine Lesebrille oder Lupe am Regal für Seniorenwindeln ist gut gemeint, wird aber wohl nur von Über-Neunzigjährigen nicht als entlarvend und daher diskriminierend erlebt. „Wer im Jahr 2025 Produktbeschriftungen verwendet, die kleiner als 13 Punkt sind, begeht kommerziellen Selbstmord. Das Gleiche gilt für die eingesetzte Farbpalette und zu geringen Kontrast.“

Meine bisherigen 'Fingerübungen' und Newsletter können hier nachgelesen werden. Ich freue mich, wenn sie weiterverbreitet werden!

Meine Fingerübungen kommen hin und wieder, wenn ich etwas zu erzählen habe.
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