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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

7/2018: Rückwärts

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist ENNASUS ASJERK SUNAMCAM. Oder eigentlich SUNAMCAM ASJERK ENNASUS.

Vielleicht kennen Sie Rückwärtslesen noch aus Ihrer Schulzeit? Falls nicht und Sie das Rätsel nur durch eigenes scharfes Nachdenken lösen konnten, dann haben Sie soeben eine wertvolle Übung in demenzbekämpfendem Gedächtnistraining absolviert. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen, sagen die Experten, und bieten es in entsprechenden Kursen an.

Wer rückwärts lesen kann, hat noch viel mehr Vorteile als nur sein Gehirn zu trainieren: Beispielsweise bei der Verbrechensbekämpfung. In Lilian Jackson Brauns (1913-2011) vielgelesener Krimiserie ist es der Siamkater Koko, der dank seiner Rückwärtslese-Fähigkeit mithilft, einen vertrackten Fall aufzuklären. Zeitunglesen fällt ihm sowieso leicht, aber im Band Die Katze, die rückwärts lesen konnte von 1966 identifiziert er dank seiner Begabung eine groß angelegte Kunstfälschung. Maschine schreiben kann er übrigens auch, aber das verwendet er dann erst in einem anderen Fall.

http://www.medienarchiv.com/Nachlass/Denicke/Shows/ppages/ppage3.htm

Falls Sie doppelbegabt sind, indem Sie neben der erwähnten Lesekompetenz auch gut singen können, stünde Ihnen die Nachfolge von Katja Nick (1918-2006) offen. Diese Entertainerin konnte nicht nur acht Sprachen rückwärts sprechen sondern einige davon auch singen, sogar Japanisch! In jungen Jahren kam ihr Talent den Nazis sehr zupass, die sie im Auswärtigen Amt beschäftigten und für die Truppenbetreuung bis nach Norwegen schickten. Als der schreckliche Spuk dann vorüber war, machte sie Karriere in weltweiten Fernsehshows. Neben Auftritten in Deutschland wurde sie auch in der Late Show with David Letterman in den USA sowie in Taiwan, Japan und Frankreich bekannt. Noch mit über Achtzig trat sie auf Bühnen und im Fernsehen auf.

Ich kann es mit ihr nicht aufnehmen, denn ich bin weder musikalisch noch sonderlich sprachbegabt. Im Gegenteil: Schaudernd erinnere ich mich an meine Versuche, chinesischen FreundInnen zuliebe wenigstens ein paar Begrüßungssätze in Mandarin einzustudieren. Die fürs Chinesische wesentlichen 4 Töne zu erkennen, geschweige denn selbst zu produzieren, war mir nicht möglich. Ich blamierte mich aufs Blut: Die erwartungsvoll zu meinem Empfang am Flughafen Versammelten erkannten nicht einmal, dass ich gerade Chinesisch zu ihnen sprach!

Viel lieber würde ich Texte lesen können, die spiegelverkehrt sind und gleichzeitig auf dem Kopf stehen. Diese Lesetechnik mussten Schriftsetzer in ihrer Ausbildungszeit lernen, wenn sie die einzelnen Lettern aus dem Setzkasten nahmen und händisch zu Texten zusammensetzten. Heute braucht das wohl niemand mehr. Da mein Vater vor Jahrzehnten viel mit Druckern zusammenarbeitete, schaute er sich von ihnen diese Technik ab. Ich erinnere mich an seine feixenden Erzählungen, wenn er in Verhandlungen wieder einmal die vertraulichen Notizen von gegenübersitzenden Gesprächspartnern entziffert hatte.

Ob diese Fertigkeit einen besonderen Nutzen hat ist schwer zu sagen. Fest steht wenigstens, dass es einige Persönlichkeiten weit gebracht haben, die es können oder konnten: Etwa der Schriftsteller Mark Twain, der Wienerlied-Musiker Roland Neuwirth, Politiker wie der deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Franz Jonas (österreichischer Bundespräsident) und Björn Engholm (deutscher Minister), der Verleger Heinz Bauer (Heinrich Bauer Verlag), der deutsche Komiker und TV-Moderator Karl Dall sowie der Künstler HAP Grieshaber (Holzschnitte). Sie alle hatten eine Lehre als Schriftsetzer absolviert.

Zurück zum Rückwärtslesen. Das kann wahrscheinlich jeder, man muss sich nur ein bisschen konzentrieren. Schwieriger wird’s, wenn man rückwärts sprechen möchte. Das wird bei den meisten recht holprig und bald verliert man die Lust daran und gibt auf. 1 von 1000 Menschen sind dafür aber besonders begabt wie etwa der legendäre Opernkritiker Marcel Prawy, der österreichische Journalist Georg Markus oder der deutsche Wirtschaftspädagoge Bernhard Wolff. Sie sprechen fließend rückwärts. Warum sie es können und wie sie es machen, ist der Wissenschaft ein Rätsel. Wolff ließ sich einmal während des Rückwärtsredens von Neurologen beobachten. "Das bildgebende Verfahren hat ergeben, dass das visuelle Zentrum besonders intensiv eingebunden ist. Das Gehirn stellt sich geschriebene Schrift vor und liest rückwärts." Sprachwissenschafter vermuten, dass Rückwärtsredner ein besonders gutes Arbeitsgedächtnis haben, in dem Informationen manipuliert und erweitert werden und das beim Lernen, Verstehen und Argumentieren eine wichtige Rolle spielt.

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Noch eine Rückwärts-Disziplin gibt es: Das Rückwärtsgehen. Kindern macht es mindestens so viel Spaß wie das Umdrehen von Namen. Man kann es aber auch dazu benützen, seinem Anliegen mehr Aufmerksamkeit zu sichern. Das machte sich im Oktober 2016 der Schweizer Berufsverband für visuelle Kunst Visarte Schweiz zunutze, um gegen Sparmaßnahmen und Subventionskürzungen zu demonstrieren. Rund 150 Teilnehmer liefen rückwärts durch Bern. Ob es genützt hat ist mir nicht bekannt.

Wen nach all diesen Beispielen ein Rückwärts-Ehrgeiz gepackt hat, der kann schon mal mit dem Üben beginnen: Der nächste internationale Rückwärtstag nähert sich mit großen Schritten - allerdings vorwärts: Es ist der 31. Jänner.

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Meine Fingerübungen kommen hin und wieder, wenn ich etwas zu erzählen habe.
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