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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

8/2016: Da und dort.

„Und er wird vor Ort sein, nicht wahr?“, höre ich im Vorbeigehen einen Fetzen aus dem Gespräch zweier Damen.

Ist es nicht scheußlich, dieses ‚vor Ort‘? Aus dem ‚Zwiebelfisch-Abc‘ auf Spiegel-online erfahre ich, dass es aus der Bergmannssprache kommt: „Der ‚Ort‘ bezeichnet das Ende einer Abbaustelle, also jenen Punkt, bis zu dem sich die Bergleute vorgearbeitet hatten. Wer ‚vor Ort‘ war, der befand sich dort, wo gerade gebohrt, gegraben oder geschaufelt wurde - also meistens unter Tage, mitten im Geschehen.“

Staudenknöterich: Für Quelle klicken

Gleich dem Staudenknöterich Fallopia japonica, der als invasiver Neophyt gerade dabei ist, die Vegetation Europas und Nordamerikas zu überwuchern, hat sich der neue Begriff ‚vor Ort’ in unserer Alltagssprache breit gemacht. Selbst ältere Damen benützen ihn inzwischen schon.

Wenn aber dieser ‚Ort‘ bloß Mutters Haushalt ist, in den der auswärts studierende Sohn zurückkehrt, um seine Wäsche zu waschen und sich mit Apfelstrudel vollzustopfen, dann würde ein simples ‚hier‘ oder ‚da‘ wohl auch reichen. Von ‚dort‘ nach ‚da‘ gewissermassen.

Lübeck: Für Quelle klicken

Doch wie heimtückisch verwirrend ‚dort‘ und ‚da‘ trotzdem sein können, erlebe ich in meiner Zweit-Lieblingsstadt Lübeck: „Wann werden wir da sein?“, frage ich den Busfahrer. Sein Gesicht drückt Verständnislosigkeit aus. ‚Da’ sind wir ja schon, ich will eigentlich wissen, wann wir ‚dort‘ sein werden. Vielleicht hätte ich der sprachgrenzüberschreitenden Präzision wegen fragen sollen: „Wann werden wir vor Ort sein?

Das Missverständnis mit dem Busfahrer kann ich präzise verorten: Es war die Buslinie 39 an der Station ‚Schüsselbuden‘, 23552 Lübeck, Deutschland.

Das seit 2004 in Mode gekommene Vokabel ‚verorten‘ soll sich nicht besser dünken als ‚vor Ort‘. Für mich fallen beide in die Kategorie Sprachbeleidigung.

Zu verdanken haben wir es den Jüngern - pardon JüngerInnen - der Sozialwissenschaften. Laut Duden wird es allerdings weniger dazu verwendet, Erinnerungen an Dialoge mit Busfahrern festzuzurren, als vielmehr einer Sache, einer Person oder einem Umstand einen festen Platz in einem bestimmten Bezugssystem zuzuweisen.

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Ein Beispiel für Verortung in einem Bezugssystem gefällig? In einem früheren Berufsleben führte ich viele Gespräche mit höher gestellten Ärzten. „Was sind Sie denn für eine Frau Doktor? Sind Sie eine Kollegin?“ wurde ich häufig beim Erstkontakt gefragt. Meine Antwort, dass ich keine Medizinerin sei sondern das Studium der Biologie erfolgreich abgeschlossen hätte, wies mir einen festen Platz in ihrem Bezugssystem zu: Fortan titulierten sie mich ‚Frau Magister‘.

Der ‚feste Platz im Bezugssystem‘ macht akademisch Sinn, in der Alltagskommunikation fehlen mir aber Farbe, Esprit und Aussagekraft. Nie und nimmer kann ‚vor Ort‘ es aufnehmen mit ‚hierorts‘, mit ‚allhier‘, mit ‚daheim‘, mit ‚daselbst’ oder mit ‚dazugehören‘. Besser als ‚vor Ort’ ist sogar die missglückt joviale Formulierung der ÖBB „Stellen Sie bitte sicher, dass Sie vor Fahrtantritt Ihre gültigen Tickets dabei haben.“

Auch Emotion lässt es vermissen.

Hätte Wolf Biermann im Jahr 1976 nicht gesagt „Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier“, sondern irgendwas mit ‚vor Ort’, wer weiß, vielleicht wäre er aus der DDR nicht ausgebürgert worden.

Hätte Peter Handke bei der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde in Salzburg (2003) keine ‚Anmerkungen zum Da- und zum Dort-Sein’ gemacht, wären uns seine Worte über das Augenscheinliche und das Geleugnete nicht in Erinnerung geblieben.

Würde man in Günter Grass’ ‚Kinderlied‘ aus dem Jahr 2007 das Vokabel ‚hier‘ durch ‚vor Ort‘ ersetzen - was bliebe dann von seiner Beklommenheit, von seiner politischen Anklage übrig?

Günter Grass: Für Quelle klicken

Wer lacht hier, hat gelacht? / Hier hat sich’s ausgelacht. / Wer hier lacht, macht Verdacht / daß er aus Gründen lacht.
Wer weint hier, hat geweint? / Hier wird nicht mehr geweint. / Wer hier weint, der auch meint / daß er aus Gründen weint.
Wer spricht hier, spricht und schweigt? / Wer schweigt, wird angezeigt. / Wer hier spricht, hat verschwiegen / wo seine Gründe liegen.
Wer spielt hier, spielt im Sand? / Wer spielt, muß an die Wand / hat sich beim Spiel die Hand / gründlich verspielt, verbrannt.
Wer stirbt hier, ist gestorben? / Wer stirbt, ist abgeworben. / Wer hier stirbt, unverdorben / ist ohne Grund verstorben.

P.S. Unterstützung im Kampf gegen 'Sprachunfälle' erhielt ich am 17. August 2016 von 'guha' im Standard!

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