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Susanne Krejsa MacManus' Fingerübungen

8/2018: Am Ende gut.

Ein Dalmatiner namens Brokkoli. Die Namenswahl für das (nicht-stimmberechtigte) Teammitglied hätte einen Perlmuttschimmer auf die Fähigkeiten der Kreativagentur geworfen, doch leider siegten pragmatische Überlegungen: „Ich kann auf der Straße doch nicht rufen ‚Brokkoli, komm sofort her!“, gab die Hundemutter zu bedenken, und wählte stattdessen einen weniger Aufsehen Erregenden. Nein, Waldi wurde es zwar nicht, war aber trotzdem enttäuschend.

Einen Namen für ein Haustier zu finden ist vermutlich schwieriger als für ein Kind, denn nach der allseits verehrten Großtante Fanni genannt zu werden ist ja für keine der beiden Beteiligten kränkend, während derselbe Name für einen Pitbull den Familienfrieden stark ins Trudeln bringen kann.

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Das Problem der Namensgebung hatten wir dieser Tage bei unserer Reise durch Cornwall. Eine Silbermöwe setzte sich vor unser Fenster und starrte hoffnungsvoll ins Zimmer. Ob Frühstück oder Abendessen – sie erwartete ihren Anteil. Auch ohne die offiziellen Hinweisschilder zu lesen wussten wir, dass Mitleid nicht am Platz war. Und wir wollten beim nächsten Morgengrauen nicht von einer erwartungsvoll kreischenden Möwen-Großfamilie geweckt werden.

http://www.wpchamber.co.uk/dont-feed-the-locals/

Also kein Häppchen, nicht das kleinste. Aber irgendwie tat sie/er uns doch Leid in ihrer bewundernswerten Ausdauer. Sie/er wurde uns vertraut. Wir vermissten sie, wenn sie nicht da war. Wir hielten Ausschau nach ihr. Wir gaben ihr einen Namen. Natürlich hätte sich Emma angeboten, schon aus bildungsbürgerlichem Respekt gegenüber Christian Morgenstern. Ging aber nicht: Emma heißt ein geschiedenes Familienmitglied; möglicherweise hätte sie es persönlich genommen. Außerdem sah sie/er nicht aus wie Emma sondern mehr wie Günter. (Hoffentlich fragt mich jetzt niemand, was ich gegen Günter habe.)

http://www.welkoam-iip-lunn.de/gonysfleck.htm

Unseren Günter hätten wir überall und jederzeit wieder erkannt. Dachten wir zumindest. Bald stellte sich jedoch heraus, dass sein markanter roter Fleck auf dem Unterschnabel kein klebengebliebener Kaugummi sondern ein Artmerkmal („Gonysfleck“) war. Natürlich ist das gut, hat aber unser Selbstbewusstsein empfindlich gekränkt.

Unsere nächste Lektion in Möwenkunde erhielten wir, während wir faul in einem kleinen Park herumlungerten und versuchten unseren Zeitungsstapel aufzulesen. Vor uns ein kleines Vogelplanschbecken. In und um und um herum Möwen jeden Alters; sitzend, schwimmend, streitend, schreiend, auf und ab wandernd. Die Schwimmer tauchten die Köpfe unter, ließen sich das kühle Wasser über die Federn rinnen, schwammen munter weiter. Nur eine, kleine, schien ein ausgiebiges Vollbad zu nehmen. Körper und Flügel tiefer und tiefer eingetaucht, schüttelte sich und tauchte neuerlich ein. Vermutlich kämpft sie gegen Parasitenbefall dachten wir und lasen weiter.

Bei unserem nächsten Aufschauen aus den Schlagzeilen trieb sie fast regungslos knapp über der Wasseroberfläche, mehr tot als lebendig. Bewegte sie sich überhaupt noch? Na ja, nicht alle können überleben.

Weitere Minuten später: Nur noch schwache Schwimmbewegungen.

Inzwischen waren auch andere Leute aufmerksam geworden. Eine kleine Gruppe scharte sich um den Beckenrand; Alte und Junge, Mütter mit Kinderwägen, Dauerparksitzer, zufällig vorbeikommende Skateboarder. Schließlich beugte sich der Größte, der mit den längsten Armen, tief hinunter, wobei ihn seine Freundin am Hosenbund festhielt. Mit beiden Händen holte er die triefnasse Jungmöve aus dem Wasser. Wir schauten zu. Man beriet sich. Was würde jetzt geschehen? Anruf bei der Tierrettung? Nein, der immer noch stark tropfende Vogel wurde im Halbschatten ins Gras gesetzt. 

Während sich die Gruppe der Retter langsam verlief, blieb eine Frau mit ihrem kleinen Sohn beim sehr nassen und sehr regungslosen Federbündel; als Wache gegen vorbeikommende Hunde, wie wir später lernten. Von ihr hörten wir, was das eigentliche Problem war: Die Einfassung des Vogelsees war zu steil und zu hoch; junge Möwen können noch nicht von der Wasseroberfläche auffliegen, sie brauchen eine Rampe. Sonst ertrinken sie aus Erschöpfung. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, erfuhren wir. Man habe sogar einen Bericht in der lokalen Zeitung lanciert, leider ohne Erfolg.

Bevor wir unsere halbgelesenen Zeitungen zusammenpackten, vergewisserten wir uns noch über das Schicksal der kleinen Möwe. Sie hatte sich erholt, bewegte ihren Kopf und sträubte ihr Gefieder, hackte nach Tobys Hand als er sie streicheln wollte. Gerade nochmal gut gegangen.

 

Meine 'Fingerübungen' können hier nachgelesen werden. Ich freue mich, wenn sie weiterverbreitet werden!

Meine Fingerübungen kommen hin und wieder, wenn ich etwas zu erzählen habe.
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